Empathie kennen viele. Impathie kaum jemand.

Dabei sind die beiden untrennbar miteinander verbunden. Wer langfristig empathisch bleiben will – ohne auszubrennen und ohne sich zu verlieren –, braucht beides. Dieser Artikel erklärt, was Impathie ist, woher das Konzept kommt und warum es heute mehr Aufmerksamkeit verdient als bisher.

Was ist Impathie?

Impathie ist die Fähigkeit, sich in die eigene Innenwelt einzufühlen.

Während Empathie den Blick nach außen richtet – auf das Erleben anderer Menschen –, dreht Impathie diese Aufmerksamkeit um. Nach innen. Auf die eigenen Gefühle, Gedanken, körperlichen Empfindungen und Bedürfnisse. Und zwar nicht nur registrierend, sondern mit einer zugewandten, annehmenden Haltung.

Impathie bedeutet: Ich nehme wahr, was in mir vorgeht, ohne es sofort zu bewerten. Ich versuche zu verstehen, was ich fühle – und begegne mir dabei freundlich.

Das klingt einfach. In der Praxis ist es das jedoch selten.

Denn viele von uns haben gelernt, über sich selbst hinwegzugehen. Eigene Signale werden überhört oder beiseitegeschoben – bis Erschöpfung, Gereiztheit oder Rückzug nicht mehr zu übersehen sind.

Impathie beginnt genau dort: beim ehrlichen Wahrnehmen dessen, was wirklich da ist.

Die Psychologin Stefanie Neubrand, die das Konzept der Impathie wissenschaftlich begründet hat, beschreibt vier voneinander abhängige Dimensionen, die zusammen die Fähigkeit zur Impathie ausmachen:

Die vier Dimensionen der Impathie nach Neubrand

Keine dieser vier Dimensionen reicht allein.
Erst im Zusammenspiel entsteht echte Impathie – eine aktive, bewusste Beziehung zu sich selbst.

Welche Bedeutung hat Impathie?

Impathie ist keine Selbstbespiegelung. Und sie ist kein Luxus für Menschen mit viel Zeit.

Sie ist eine Grundvoraussetzung dafür, dauerhaft für andere da zu sein – beruflich und privat. In Führung, in der Fürsorge, in Beziehungen. Wer keinen tragfähigen Kontakt zu sich selbst hat, verliert sich früher oder später im Erleben anderer. Das kennen viele empathische Menschen aus eigener Erfahrung.

In Workshops begegnet mir dasselbe Muster immer wieder: Menschen, die außerordentlich feinfühlig auf andere reagieren, die eigene Erschöpfung aber erst bemerken, wenn der Körper auf Durchzug schaltet. Der Zusammenhang ist nachvollziehbar – wer das eigene Innenleben nicht achtsam beobachtet, merkt zu spät, wann eine Grenze überschritten wird.

Impathie schützt davor. Nicht durch Distanz oder Kälte – sondern durch Klarheit.

Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine ausgeprägte Fähigkeit zur Impathie mit höherem Wohlbefinden und emotionaler Stabilität zusammenhängt. Die Forschung dazu steht noch am Anfang – aber die Annahme ist aus klinischer Perspektive gut begründet und wird in Psychotherapie, Coaching und Führungsentwicklung zunehmend als wichtige Ressource beschrieben.

Gleichzeitig: Impathie trägt Empathie. Sie ersetzt sie nicht.

Impathie und Empathie im Vergleich

Das Zusammenspiel beider Fähigkeiten unterstützt gelingende Beziehungen, gesunde Zusammenarbeit und einen bewussteren Umgang mit den eigenen Ressourcen. Ich nehme das Erleben meines Gegenübers ernst – und genauso ernst nehme ich mein eigenes Erleben.

Wo liegt der Ursprung der Impathieforschung?

Der Begriff selbst ist älter als man denkt.

Das deutsche Wort „Einfühlung“ wurde vor über hundert Jahren ins Englische als „empathy“ übersetzt – und damals umfasste diese Bedeutung noch beides: das Einfühlen in andere und das Einfühlen in sich selbst. Im Lauf der Jahrzehnte verengte sich Empathie in der wissenschaftlichen Forschung zunehmend auf die interpersonale Richtung – also auf die Fähigkeit, das Erleben anderer wahrzunehmen und nachzuvollziehen.

Die introversive Seite dieser Fähigkeit – das Einfühlen in die eigene Person – blieb dabei wissenschaftlich weitgehend unbeachtet. In der klinischen Praxis war sie längst präsent: Rogers, Kohut und andere hatten die Fähigkeit, sich selbst einfühlsam wahrzunehmen, früh als zentral für psychische Gesundheit und persönliches Wachstum beschrieben. Eine belastbare konzeptuelle Grundlage, die systematische Forschung ermöglicht hätte, fehlte jedoch.

Diese Lücke hat Stefanie Neubrand geschlossen.

In ihrer 2022 in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology veröffentlichten Arbeit „The missing construct: Impathy“ – gemeinsam mit Jens Gaab von der Universität Basel – legte sie erstmals eine operationale Definition von Impathie vor. Der Titel des Artikels sagt dabei alles: Nicht das Phänomen war neu, sondern der wissenschaftliche Rahmen, der es greifbar und messbar macht.

Darauf aufbauend entwickelte Neubrand das sogenannte Impathy Inventory – ein Selbstauskunftsinstrument mit zwanzig Fragen, das die vier Dimensionen der Impathie strukturiert erfasst und damit systematische empirische Forschung erstmals ermöglicht. Erste Überprüfungen legen nahe, dass das Instrument psychometrisch belastbar ist – weitere Studien sind in Arbeit.

Die Impathieforschung steht am Anfang. Aber der Grundstein ist gelegt.

Zeitstrahl der Impathieforschung

Was das für Sie bedeutet

Impathie ist erlernbar.

Das zeigen Neubrands Forschungsarbeiten ebenso wie die Erfahrungen aus der Praxis. Wer beginnt, die eigene Aufmerksamkeit regelmäßig nach innen zu richten – mit Neugier statt Urteil –, verändert langfristig, wie er mit sich selbst und mit anderen umgeht. Grenzen werden früher spürbar. Reaktionen werden bewusster. Die Erschöpfung kommt seltener überraschend.

Entdecken Sie jetzt hier, wie sich diese innere Haltung konkret kultivieren lässt, in Führung, Selbstführung und im Alltag.

Tanja Hilbert · Gründerin & Geschäftsführerin | EMIL-Akademie

Quelle: Neubrand, S. & Gaab, J. (2022). The missing construct: Impathy. Frontiers in Psychology, 13, 726029.